Schrottverwertung einmal anders
lm Bayerischen Wald wurde aus einem VW-Bus eine Benediktinerkapelle

Was macht man mit einem klapprigen,alten VW-Bus,der mit vielen tausend Kilometern auf dem Tacho doch irgendwann den Geist aufgibt und partout nicht mehr fahren will?
Man könnte versuchen, ihn an einen ambitionierten Bastler zu verkaufen, der aus jedem Auto wieder einen fahrbaren Untersatz zaubert. Die meisten von uns würden ihn sicher einfach zum Schrottplatz bringen und dort verrosten lassen. Man kann aber auch etwas völlig anderes mit dem Gefährt machen. Im Bayerischen Wald haben zwei Künstler eine ganz besondere Art von Autorecycling betrieben: Sie haben einen alten VW-Bus, den ein amerikanischer Bildhauer auf dem Weg nach Rom in dem Örtchen Frauenau zurücklassen mußte, auf den Kopf gestellt und eine Kapelle daraus gebaut. Die beiden Frauenauer Künstler Helmut Koller und Erwin Eisch hatten schon seit längerem geplant, für den Mönch Hermann, der als Begründer des Ortes gilt, eine Gedächtniskapelle zu bauen. Entstehen sollte sie auf einer Anhöhe, auf der der Benediktinermönch der Legende nach im Jahre 1324 eine sogenannte Zelle errichtet hat, um dort die letzte Zeit seines Lebens zu verbringen. Wer auf die Idee kam, den Bus als Schalung für die Kapelle zu verwenden, weiß heute nicht einmal mehr Erwin Eisch. Im Herbst l967 begannen die Frauenauer mit den Bauarbeiten rund um den Bus. Als Stütze dienten vier Eisenstangen, die Hohlräume wurden mit Beton gefüllt, und das Ganze wurde braun verputzt. 
Schulkinder verwandelten die Busfenster durch phantasievolle Bemalung in Kapellenfenster, ein tunnelartiger Eingang vervollständigte die Kleinbuskapelle, die - kaum noch als Bus zu erkennen fünf Jahre nach Baubeginn von einem Abt geweiht wurde. Für den Bürgermeister Frauenaus ist sie ,,das wohl ungewöhnlichste sakrale Bauwerk in dieser Region". Der Künstler Eisch hat nicht nur als origineller Schrottverwerter auf sich aufmerksam gemacht; seine Zeichnungen, Gemälde und vor allem seine Glaskunstwerke können in Museen in Japan oder Amerika ebenso besichtigt werden wie im Frauenauer Glasmuseum. Zusammen mit seiner Frau Gretel sanierte er vor zwei Jahren die inzwischen etwas mitgenommene Kapelle und verlieh ihr ein neues strahlend gelb-oranges Aussehen.
-Maike Seifert-
 

Dieser Artikel stammt aus dem "Autogramm" vom 6.Mai 1998
Das "Autogramm" ist die Zeitung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Volkswagen AG